Ich habe nach dem Abi eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht und nach zwei Jahren bereits mein erstes Kind bekommen. Anschließend habe ich nur noch in Teilzeit gearbeitet. Es folgten noch zwei Kinder. Mein Mann hat die ganze Zeit über in Vollzeit als Bauleiter gearbeitet und war daher die ganze Woche über und häufig auch am Wochenende weg. Eine Familie, die mich hätte unterstützen können, hatte ich nicht. Nebenbei habe ich versucht, weiter zu arbeiten. Dies ließ sich leider kaum umsetzen, da ich als Mutter und ohne Kinderbetreuung zeitlich zu unflexibel war. Um die Geburt des dritten Kindes herum machte ich eine Zusatzausbildung zur Pilatestrainerin und gab Abendkurse. Zu dieser Zeit kam mein Mann in der Regel abends nach Hause, da er in der Zwischenzeit den Job gewechselt hatte und nun als Kalkulator arbeitete. Leider kam er nicht zuverlässig pünktlich, so dass ich immer wieder in zeitliche Bedrängnis geriet.
Als das jüngste Kind im Kindergarten war, konnte ich teilweise auch vormittags Kurse übernehmen. Ich machte u.a. eine Fortbildung zur Nordic-Walking-Trainerin. Mit Ende 30 wurde ich dann leider krank. Da mich lange niemand ernst nahm, wurde ich immer kränker. Da ich körperlich nicht mehr arbeiten konnte, entschied ich mich mit 40, nochmal zu studieren (Sonderpädagogik und Pädagogik). Während dieser Zeiterfuhr ich peu à peu, dass ich unter dem Ehlers-Danlos-Syndrom litt sowie PoTS und ME/CFS. Während eines Praktikums im Rahmen des Studiums erkrankte ich zum ersten Mal an Corona. Ich habe mich nie davon erholt. Den Rest des Studiums musste ich irgendwie von zu Hause bewältigen. Etwas später als geplant schloss ich es mit der Note „Sehr gut“ ab. Nun hätte ich sehr gerne gearbeitet, z.B. in der Frühförderung, aber leider war ich inzwischen nicht mehr arbeitsfähig.
Nun bin ich seit fast zehn Jahren krank. Inzwischen habe ich Pflegegrad 3 und liege fast ausschließlich im Bett. Das Haus verlasse ich nur noch für Arztbesuche, welche mir sehr schwer fallen und oft auch gar nicht möglich sind. Adäquate Versorgung gibt es nicht. Soziale Kontakte existieren nicht mehr. Mein Mann arbeitet inzwischen im Home-Office. Da er nie Verantwortung für Kinder und Haushalt übernehmen musste, ist er hoffnungslos überfordert. Konflikte sind an der Tagesordnung, was mich ganz besonders viel Kraft kostet. Kraft, die ich eigentlich nicht habe.
Nun habe ich vor kurzem erfahren, dass ich kein Anrecht auf Erwerbsminderungsrente habe, da ich in den ganzen letzten Jahren keiner bezahlten Arbeit nachgegangen bin. Ich habe allerdings 20 Jahre Carearbeit geleistet und das mehr oder weniger rund um die Uhr. Ohne Feierabend, ohne Wochenende und ohne Urlaub. Jetzt, wo die Kinder endlich alt genug sind, dass ich beruflich durchstarten könnte, bin ich gesundheitlich nicht mehr in der Lage und selbst auf Hilfe angewiesen. Ich kann mich nicht selbst versorgen und bin abhängig von meinem Mann. So kann es gehen… Wer rechnet schon damit, dass er mit Mitte 40 zum Pflegefall wird? Ich dachte mit Mitte 20, eine Berufsunfähigkeitsversicherung lohnt sich für mich nicht. Sehr naiv… Im Nachhinein weiß ich aber auch nicht, was ich hätte besser machen können. Außer auf Kinder zu verzichten. Mein Mann hat deutlich mehr verdient als ich und ich wollte ja auch gerne für meine Kinder da sein… Selbst Schuld, würden wahrscheinlich viele sagen. Gleichzeitig werden Frauen kritisiert, wenn sie keine Kinder in die Welt setzen. Fühlte mich die ganzen Jahre extrem allein gelassen, bis heute. Habe mich förmlich zerrissen, um überall 100% geben zu können. Trotzdem habe ich immer an mir gezweifelt.
Heute denke ich manchmal, eigentlich hätte ich einen Orden verdient…


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