Berlin, 6. Juli 2026
Die Bundesregierung hat ein Reformpaket vorgelegt, das sie als historischen Aufbruch feiert. Aus Sicht der Liga für unbezahlte Arbeit ist es das Gegenteil: eine vertane Chance, die den Grundfehler unserer Sozialpolitik fortschreibt.
Dieses Paket nennt sich Entlastung. Tatsächlich entlastet es vor allem Unternehmen, Verwaltungen und Erwerbsarbeit. Es entlastet nicht diejenigen, die mit unbezahlter Sorgearbeit den Sozialstaat überhaupt am Laufen halten.
Erwerbszentrierte Reformlogik
„Deutschland flott kriegen“ heißt in diesem Paket: Menschen sollen schneller, flexibler und länger dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Care-Arbeit kommt nicht als gesellschaftliche Infrastruktur vor, sondern höchstens als Störung von Erwerbsarbeit. Das ist der Grundfehler – und er zieht sich durch alle 34 Punkte des Pakets.
Steuerreform: Entlastung nur für Erwerbstätige
Als Beispiel für die Steuerentlastung nennt die Koalition eine „berufstätige Familie mit zwei Kindern“, die bis zu 600 Euro im Jahr sparen soll. Das klingt familienfreundlich, bleibt aber vollständig an Erwerbseinkommen gekoppelt. Wer wegen Pflege, Behinderung eines Kindes, fehlender Betreuung oder chronischer Überlastung weniger arbeitet, profitiert weniger. Wer unbezahlte Care-Arbeit leistet, bekommt keine strukturelle Absicherung, sondern bestenfalls eine kleine steuerliche Korrektur. Alleinerziehende, die Gruppe mit der höchsten Doppelbelastung aus Erwerbs- und Care-Arbeit, werden mit keinem einzigen gezielten Satz erwähnt.
Befristungen: Mehr Unsicherheit für die Schwächsten
Die Ausweitung sachgrundloser Befristungen auf bis zu 48 Monate mit sechs möglichen Verlängerungen trifft genau diejenigen, die ohnehin schlechter verhandeln können: Eltern, pflegende Angehörige, Alleinerziehende, Menschen mit Teilzeitbedarf. Wer auf Rücksichtnahme angewiesen ist, braucht stabile Rechte – nicht vier Jahre Probezeitlogik.
Krankschreibung: Misstrauen als Gesetz
Die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die Pflicht zur Vorlage bereits ab dem ersten Krankheitstag sind aus Care-Perspektive falsch. Kranke Beschäftigte, Eltern mit kranken Kindern (keine Seltenheit, dass alle betroffen sind) und pflegende Angehörige müssen nun zusätzlich Wege zu überfüllten hausärztlichen Praxen organisieren und Wege bewältigen. Der Hausärzteverband selbst kritisiert diese Maßnahme als massive zusätzliche Bürokratie und warnt vor längeren Wartezeiten. Das ist keine Entlastung – das ist Misstrauen als Gesetz.
Rentenreformvorschläge: Ignoriert Care-Biografien
Die Rentenreform profitiert vor allem durchgängige Erwerbsbiografien. Care-Biografien sind aber unterbrochen, reduziert, prekär und von Teilzeit geprägt. Wer Jahre mit Kindern, Pflege oder Angehörigenverantwortung verbringt, braucht volle rentenrechtliche Anerkennung von Sorgearbeit. Das Reformpaket schweigt dazu.
Bürokratieabbau: Abbau von Schutzrechten?
Berichts- und Dokumentationspflichten sind nicht nur Papierkram. Sie sind oft die Grundlage dafür, Diskriminierung, Arbeitsschutzverstöße und strukturelle Benachteiligung überhaupt nachweisen zu können. Wenn jede vierte Dokumentationspflicht wegfallen soll, braucht es zwingend eine Care- und Gleichstellungsprüfung. Sonst wird aus Bürokratieabbau ein Abbau von Schutzrechten.
Unsere Forderung
Dieses Reformpaket will Deutschland flott kriegen, aber es fragt nicht, wer Deutschland trägt. Es behandelt Erwerbsarbeit als Motor der Gesellschaft und unbezahlte Sorgearbeit als private Randbedingung. Genau diese Leerstelle produziert die Krise, die jetzt angeblich gelöst werden soll.
Die Liga für unbezahlte Arbeit fordert: Jede Reform braucht eine Care-Folgenabschätzung. Keine Renten-, Gesundheits-, Steuer- oder Arbeitsmarktreform darf beschlossen werden, ohne zu prüfen, wie sie Eltern, pflegende Angehörige, Alleinerziehende und Menschen mit familiärer Fürsorgeverantwortung trifft.
Genau deshalb gehört familiäre Fürsorgeverantwortung als Diskriminierungsmerkmal ins Grundgesetz. Wer Familien, Pflege und Gesundheit wirklich entlasten will, darf Care-Arbeit nicht als Ausnahme verwalten. Er muss sie rechtlich schützen, sozial absichern und politisch ins Zentrum stellen.
Liga für unbezahlte Arbeit e.V.
Jo Lücke & Franzi Helms, Vorstand
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lua-carewerkschaft.de


